Paid4-Geschichte Teil 1: Die Anfänge (1996–2002) – Wie Paid4 geboren wurde

Diese Artikelserie zeichnet die Geschichte der Paid4-Industrie nach – von den ersten Pay-per-View-Experimenten 1996 bis zu modernen Crypto- und Auto-Surf-Modellen.
Weitere Teile: Teil 2: Die PTC-Welle · Teil 3: Krise, Scams & Konsolidierung · Teil 4: Die Gegenwart.

 

 

 

Als Aufmerksamkeit zur Währung wurde

Mitte der 1990er war das Web ein neues, hungriges Medium – und Werbetreibende standen vor einem Problem, das ihnen aus der Fernsehwelt vertraut war: Wie bekommt man Menschen dazu, Anzeigen tatsächlich anzusehen? Ein junger Unternehmer in Berkeley, Nat Goldhaber, hatte eine radikale Antwort: bezahlt sie dafür. Aus dieser Idee wurde 1996 Cybergold, und mit ihr begann die Geschichte einer Branche, die heute unter dem Sammelbegriff „Paid4“ zusammengefasst wird.

Cybergold: Der Urknall (1995/1996)

Cybergold reichte am 11. Oktober 1995 seine Markenanmeldung beim US-Patent- und Markenamt ein. Am 24. Juni 1996 berichtete die New York Times erstmals über Goldhabers Konzept: Werbetreibende zahlen Internet-Nutzer direkt dafür, dass sie eine Anzeige lesen oder ein Profil ausfüllen. Der Clou war ein Konto-System mit eigenem Guthaben – im Grunde der Vorläufer aller späteren Paid4-Punktewährungen.

Im Oktober 1996 ging Cybergold mit über 100 Werbekunden in den Beta-Betrieb. Schon damals zeichnete sich ab, dass das Modell nicht ohne Reibung funktionieren würde: Konkurrent GoldMail der Marketingfirma Maritz Inc. startete am 5. Juni 1996, und es kam zum Markenrechtsstreit (Maritz, Inc. v. Cybergold, Inc.) – einer der ersten Internet-Jurisdiktionsfälle überhaupt.

MyPoints und der Punkte-Reflex

Ebenfalls 1996 wurde in Delaware MyPoints (ursprünglich Intellipost) gegründet. Statt Cents direkt auszuzahlen, vergab MyPoints Punkte, die in Gutscheine bei Partnern wie Egghead, CBS SportsLine oder später Amazon und Target eingetauscht werden konnten. Damit war ein zweites, bis heute dominantes Paid4-Schema geboren: die Loyalty-Währung. Wer in einer geschlossenen Welt Punkte sammelt, kommt nicht so leicht an einen Auszahlungs-Schwellenwert – das ist betriebswirtschaftlich elegant und psychologisch wirksam.

Klamm.de: Die deutsche Geburt eines Genres

Parallel, fast unbemerkt, entstand in Deutschland etwas Eigenes. Lukas Klamm hatte 1996 seine private Website klamm.de gestartet. Ende 1999 entschied er, seine Werbeeinnahmen mit den Nutzern zu teilen: Wer klamm.de als Startseite einrichtete und sich einloggte, bekam einen Anteil. Damit gilt klamm.de als europaweit erste „bezahlte Startseite“ und Mitbegründer der deutschen Paid4-Szene. Die seiteneigene Währung – die Klammlose – ist legendär und existiert bis heute.

Im selben Jahr ging in den Niederlanden EuroClix an den Start, das später auch nach Deutschland, Frankreich, Belgien und Großbritannien expandierte und nach eigenen Angaben über 500.000 Mitglieder erreichte. Aus diesen Wurzeln wuchs die deutschsprachige Paid4-Welt – mit Foren, eigenen Vokabeln (Refback, Klickrallye, Klickbar) und einer engen Community.

AllAdvantage: Der erste Hype und sein Crash (1999–2001)

Der wohl bekannteste Pionier wurde AllAdvantage. Im März 1999 in Kalifornien gestartet, zahlte das Unternehmen seinen Nutzern Stundensätze dafür, dass sie eine kleine Werbeleiste – die Viewbar – beim Surfen geöffnet hielten. Hinzu kam ein mehrstufiges Empfehlungssystem: Wer Freunde anwarb, verdiente an deren Surfzeit mit. Das Wachstum war explosiv. Auf dem Höhepunkt hatte AllAdvantage rund 10 Millionen Mitglieder und schaufelte allein zwischen Dezember 1999 und März 2000 32,7 Mio. US-Dollar an die Nutzer aus – bei Eigenumsätzen von nur 9,1 Mio. USD im selben Zeitraum.

Der geplante Börsengang im Frühjahr 2000 (Underwriter: Frank Quattrone, Credit Suisse First Boston) wurde mit dem platzenden Dotcom-IPO-Markt abgesagt. Insgesamt hatte AllAdvantage zum Schluß rund 100 Millionen US-Dollar an seine Mitglieder ausgezahlt – ohne ein tragfähiges Ertragsmodell dahinter. Im Februar 2001 wurde der Endkundenbetrieb eingestellt.

Was die Anfänge geprägt hat

  • Aufmerksamkeit als Asset: Die Idee, Bildschirmzeit in Cents zu verwandeln, war neu und in den USA wie in Europa fast gleichzeitig da.
  • Punkte vs. Bargeld: Schon 1996 standen sich beide Schulen gegenüber – Cybergold (Geld) und MyPoints (Punkte).
  • Fraud war von Tag 1 ein Thema: AllAdvantage musste fortlaufend Detektionsalgorithmen gegen Surf-Simulatoren entwickeln.
  • Empfehlungssysteme: Bereits AllAdvantage und klamm.de nutzten Multi-Level-Refsysteme – ein Mechanismus, der die Branche bis heute prägt.

 

 

 


Übergang zu Teil 2

Mit dem Dotcom-Crash schien die erste Paid4-Welle erledigt. Doch das Konzept verschwand nicht – es mutierte. Ab 2003 entstand ein neuer Sub-Typ, der die nächsten zehn Jahre dominieren sollte: der Paid-to-Click- oder PTC-Sektor, getrieben von Gürteln aus tausenden kleiner Werbung-anklicken-Sites und einer globalen Niedriglohn-Arbiterkonomie. Weiter zu Teil 2: Die PTC-Welle (2003–2010) »